Jede*r kann heute in die Drogerie oder Apotheke gehen, und ohne Rezept einen HIV-Schnelltest kaufen. Ist damit die HIV-Epidemie vorbei? Nein. Sind diese Tests ein wichtiger Baustein, um neue Ansteckungen zu vermeiden, Angst und Unsicherheit in Summe zu reduzieren? Davon bin ich überzeugt. 

Im Vergleich mit HIV/AIDS ist SARS-CoV-2/Covid-19 eine Epidemie, die sich sehr schnell entwickelt. In den ersten Monaten waren nur Labortests zum Nachweis einer akuten Infektion verfügbar, dann kamen Antikörper-Tests, die eine bereits durchgemachte oder schon länger laufende Covid-19-Erkrankung anzeigen können. Die Forschung hat aber auch gezeigt: Beide Methoden sind nicht ideal, um Menschen rechtzeitig am Beginn ihrer ansteckenden Phase unkompliziert zu identifizieren. Hierfür war schon im März davon die Rede, dass wir auch Antigen-Schnelltests brauchen. Leider war die Qualität der damals verfügbaren Antigen-Tests noch nicht ausreichend und es war klar, dass die Tests besser werden mussten, um hilfreich zu sein. 

Nur wenige hatten jedoch damals schon erkannt, was seit Ende Juli von immer mehr Forscher*innen gefordert wird: Wir müssen bei der Bewertung der Testqualität zwischen Diagnostik, Türöffnung und Screening unterscheiden:

  • Diagnostik: Woher kommen die Symptome, die ein Patient hat? Ist es Covid-19?
  • Türöffnung: Darf diese Person an einer Großveranstaltung teilnehmen, ohne ein Superspreading-Event zu riskieren?
  • Screening: Wer ist derzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit ansteckend, und muss sofort isoliert werden, um die Fallzahlen insgesamt zu senken?

Bisher verwenden wir dieselben Tests für alle drei Zwecke, und stellen dieselben Anforderungen an die Testqualität. Idealerweise sollte man jedoch je Anwendungsart die Anforderungen getrennt optimieren, z.B. die Abwägung zwischen Test-Genauigkeit (Sensitivität & Spezifität), Preis, Ressourcenverbrauch, Bedienbarkeit, Geschwindigkeit und verfügbarer Menge. Schon mathematisch würde sich so ein besseres Optimum erreichen lassen, als bei gemeinsamer Betrachtung mit Maximalforderungen auf jeder Dimension. Wer mehr über diese verschiedenen Elemente einer zukünftigen Teststrategie erfahren möchte, findet hierzu viel Material auf der Webseite rapidtests.de, die von einer wissenschaftlich orientierten Gruppen an Freiwilligen betrieben wird, zu der auch mein Sohn gehört. 

Ganz aktuell werden Antigen-Schnelltests unter anderem für Pflege- und Altenheime eingeführt. Dies ist ein wichtiger Schritt, um unseren am meisten gefährdeten Mitmenschen eine höhere Sicherheit in der jetzt beginnenden kalten Jahreszeit mit steigenden Fallzahlen zu bieten. Eine längerfristige vollkommene Abschottung von ihren Familien ist für viele keine Option, da dies die Lebensqualität im schlimmsten Fall noch stärker einschränkt. Das Bundesgesundheitsministerium, das Robert-Koch-Institut, die Länder sowie die Dachverbände müssen jetzt zusammenarbeiten, um für die Heime gute praxisnahe Testkonzepte zu entwickeln, dass die Tests auch ihre maximale Wirkung zur Pandemieeindämmung und zum Schutz der Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen entfalten können.